Zukunftsperspektiven durch Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung

Was sehen wir eigentlich? Was steckt dahinter? Welche Geschichten spielen sich in unseren Köpfen ab? – In Zukunft werden Museen vor allem Orte der menschlichen Begegnung sein. Hier gilt es zusätzliche Zielgruppen verstärkt in die Entwicklung einer neuen „Erlebniswelt Museum“ einzubinden und im Angebot zu berücksichtigen. Die Zusammenarbeit zum Beispiel mit Menschen mit geistiger Behinderung ermöglicht es, die Werke aus einem völlig neuem Blickwinkel zu sehen. Diese Chance greift das Projekt auf, um eine neue Erlebniswelt zu erschaffen. Im Zentrum steht die Entwicklung eines besonderen Audioguides, die Erarbeitung neuer Inhalte und eine kommunikationsfördernde Gestaltung des Guides. Gemeinsam bilden sie die Grundlage für eine lebendige Interaktion – unabhängig von Vorwissen oder Fähigkeiten.

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“Die Vertragsstaaten erkennen das Recht von Menschen mit Behinderung an, gleichberechtigt am kulturellen Leben teilzunehmen und treffen alle geeigneten Maßnahmen in diesem Sinne.”, so heißt es in Artikel 30 der UN-Behindertenrechtskonvention. Vor dem Hintergrund eines dynamischen Perspektivenwandels in der Behindertenarbeit habe ich mich in meiner Bachelorarbeit mit den aktiven Partizipationsmöglichkeiten in gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten beschäftigt. Meinen Fokus habe ich auf Kunstmuseen und Menschen mit geistiger Behinderung gelegt.

Die allgemeine Auseinandersetzung mit geistiger Behinderung sowie den Leitideen Inklusion und Barrierefreiheit bildet die Grundlage meiner Arbeit. Dazu kommt die Beleuchtung der aktuellen Situation und Zunkunftsaussichten für Museen. Nach der Konsolidierung einer theoretischen Basis mittels Fachliteratur erfolgte die weitere Recherche und Arbeit „vor Ort“. Das heißt, ich habe mich direkt mit Experten beider Gebiete getroffen, mich mit ihnen unterhalten und gemeinsam mit Menschen mit geistiger Behinderung die Kunstwelt erkundet. Mit dem Projekt „Erlebniswelt Museum“ habe ich nicht nur die Partizipationsmöglichkeiten von Menschen mit geistiger Behinderung gesucht, sondern eine allgemeine Zukunftsvision für Museen entwickelt.

Dank des Projektes PIKSL – Personenzentrierte Interaktion und Kommunikation für Selbstbestimmung im Leben – als Kooperationspartner war eine direkte Zusammenarbeit mit meiner Zielgruppe möglich. Die Beteiligten haben mich während der gesamten sechs Monate tatkräftig als “Mitentwickler” und Referenzgruppe unterstützt. Unterschiedlichste Problemstellungen und Konzepte konnte ich stets testen. Die Beobachtungen und das Feedback meiner Probanden haben mir bei der Entwicklung meines Projektes in besonderem Maße geholfen. Die letztendliche „Realisierung“ meines Konzeptes gemeinsam mit den Mitgliedern von PISKL hat mich in meiner Arbeit sehr bestätigt. An dieser Stelle möchte ich mich für die wunderbare und unglaublich bereichernde Zusammenarbeit bedanken.

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Workshop

Der grundlegende Teil des Konzeptes ist die gemeinsame Erarbeitung von Inhalten für einen Audioguide im Rahmen eines Workshops im Museum. Menschen mit geistiger Behinderung, Kinder und weitere interessierte Teilnehmer setzen sich unter Leitung eines museumspädagischen Teams intensiv mit einer Auswahl der Werke einer zukünftigen Ausstellung auseinander. Zur Erstellung des gesamten Audioguides werden mehrere Workshops mit verschiedenen Teilnehmern stattfinden. Für optimale Ergebnisse kann in einem Workshop lediglich eine begrenzte Anzahl an Kunstwerken besprochen werden.

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Anwendung

Die gesamte Erscheinung der Ausstellung wird die farblichen Akzente verändert. Die Besucher, die einen Audio-Schal tragen, fallen deutlich auf und setzen ein Zeichen, dass sie sich auf diese neue Erfahrung und den aktiven Austausch über Kunst einlassen. Der Guide ermöglicht das private Hören der Bildbeschreibungen, die dem Besucher zum einen Informationen zu den Werken liefern und ihn auf der anderen Seite zum Nachdenken und genauer Hinschauen anregen sollen. Des Weiteren zielt die besondere Gestaltung in Schalform darauf ab, die Inhalte mit Besuchern, die eine der anderen Farben tragen, zu teilen. So soll das Wissen, darüber, dass der Nebenmann etwas anderes hört neugierig machen und die Menschen zu Gesprächen anregen. Die  Audio-Schals dienen also nicht nur der Informationsvermittlung und Perspektivenerweiterung, sondern fungieren vor allem auch als Gesprächsgrundlage und Erleichterung der Kontaktaufnahme mit anderen Besuchern.

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W_ErlebisweltMuseum_Handhabung W_ErlebisweltMuseum_Technik   In Zukunft werden sich Museum sich nicht mehr nur auf ihre Grundpfeiler Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln konzentrieren. Sie werden sich vielmehr als Ort des Schauens, des Entdeckens, des Lernens und vor allem der menschlichen Begegnung verstehen. Ziel wird es sein, ein Museum zu einem in mehreren Dimension wirkenden Kommunikationsort zu machen und den gemeinsamen Austausch unter den Besuchern zu fördern. So ist die Interaktion zwischen Menschen unabhängig von ihrem Vorwissen oder ihren Fähigkeiten eine Bereicherung für alle Beteiligten.

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Folkwang Universität der Künste, Essen
Industrial Design – Strategie & Vision, WS 2012/2013
Bachelorarbeit in Kooperation mit PIKSL
Betreut von Prof. M. Digel und Prof. (stv.) C. Schreiber

Veröffentlichung in: Jg. 18, Heft 1 (2013) „SIEGEN:SOZIAL : Digitale Teilhabe“

SIegenSozial

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Mehr Informationen zum Kooperationspartner unter www.piskl.net  
 
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